Gabelöl wechseln
Zum regelmäßigen Pflegedienst sollte der Wechsel des Dämpferöls in der Telegabel gehören. Ähnelt die Gabel erst einer "Luftpumpe", wird es allerhöchste Zeit, dass frisches Öl in die Holme kommt. Wie das gemacht wird, erklärt Winni Scheibe.
Seit Jahren funktioniert die Telegabel anstandslos. Auf einmal hat man jedoch das Gefühl, sie schlägt bei jeder Unebenheit durch. Das Motorrad wirkt in der Frontpartie schwammig und beim Bremsen springt das Vorderrad wie wild Über den Asphalt. Bevor man bei der Fehlersuche verzweifelt, sollte man an das Gabelöl denken: In den meisten Fällen ist es uralt und dünnflüssig wie Leitungswasser und damit Schuld an der Misere. Wer die Gabel selbst wieder auf Vordermann bringen will, braucht nur etwas handwerkliches Geschick, genügend Zeit zum Basteln und das erforderliche Werkzeug.
Zunächst muss man das Motorrad so aufbocken, dass das Vorderrad frei steht und ausgebaut werden kann. Dann ein Auffanggefäß unterstellen und die kleinen Schräubchen unten in den Gabelholmen herausdrehen, das alte Öl abfließen lassen. Danach die oberen Verschlusskappen abschrauben - Vorsicht, eventuell stehen die Federn unter starker Spannung - und die Gabelfedern herausnehmen.
Sind die Federn progressiv gewickelt (zu erkennen am unterschiedlichen Abstand der Wicklungen), sollte man sie markieren, so dass sie später in derselben Lage wieder eingebaut werden können. Auf eventuell vorhandene Distanzscheiben, Ausgleichsbuchsen oder Vorspannhülsen achten! Dann werden die Tauchrohre einige Male bis zum Anschlag rein- und wieder rausgezogen. Bei alten BMWs ist der untere Anschlag zugleich die Verschlussschraube, also Vorsicht, nicht die Tauch- von den Standrohren abziehen! Dieses "Pumpen" bewirkt, dass das alte Gabelöl restlos rausgeht. Danach die Verschlussschrauben wieder einsetzen und mit Gefühl festziehen. Die hydraulische Dämpferwirkung der Telegabel wird von der Viskosität (Fließfähigkeit) des Öls bestimmt. Aus diesem Grund schreiben die Fahrzeughersteller in der Betriebsanleitung auch genau vor, welche Ölsorte man einfüllen muss.
Bei der Neubefüllung sind aber noch zwei Angaben wichtig: Die Füllmenge, gemessen in Kubikzentimeter, und das "Luftpolster", gemessen in Zentimeter zwischen Ölspiegel und oberer Verschlussschraube. In den technischen Daten wird meist nur die Füllmenge, nicht aber das Luftpolster angegeben. Man kann es aber in einer Fachwerkstatt erfragen. Das Luftpolster ist nämlich genauso wichtig, wie die Füllmenge. Werden die Gabelholme mit der vorgeschriebenen Menge Öl gleichmäßig befüllt, kann es dennoch sein, dass die Ölspiegel unterschiedlich hoch sind. Das kann an nicht abgeflossenen Resten oder Ungenauigkeiten beim Abmessen liegen, hat aber auf jeden Fall zur Folge, dass das Luftpolster unterschiedlich ist. Aus diesem Grund muss beim Neubefüllen unbedingt Folgendes beachtet werden: Zuerst wird möglichst genau die vorgeschriebene Ölmenge in jeden Gabelholm gefüllt. Danach werden die Tauchrohre mindestens zehn Mal wie oben beschrieben "gepumpt", diesmal, um die Luft aus dem Dämpfersystem hinauszudrücken. Dann die Tauchrohre wieder bis zum Anschlag einschieben und in dieser Lage fixieren. Nun wird mit einem Zollstock (falls der nicht in das Standrohr hineinpasst: mit einem Schweißdraht) der Abstand vom oberen Ende des Standrohrs bis zum Ölspiegel gemessen. Logisch, dass der auf beiden Seiten gleich sein muss, denn das Luftvolumen wirkt im Betrieb wie eine zusätzliche Feder, weil das Gas nicht entweichen kann, sich aber zusammendrücken lässt. Stimmen die Maße nicht überein, kann man mit einer Absaugpumpe (wer so etwas nicht besitzt, der benutzt ein weiches, sauberes Tuch) überschüssiges Öl aufsaugen. Nachmessen, Auffüllen, wieder Nachmessen hört sich kompliziert an, aber nur so ist gewährleistet, dass die Gabel gleichmäßig gefüllt ist und die nächsten 10.000 Kilometer einwandfrei funktioniert. Zum Schluss die Kappen mit sauberen Dichtungen auf die Standrohre schrauben, das Vorderrad einbauen und alle Schrauben korrekt festziehen.